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Erweiterung Kunsthaus Zürich

Eine Pilgerstätte für die Kunst

Tunnel verbindet geschichtsträchtigen Altbau mit Neubau

Die Geschichte des Kunsthauses Zürich beginnt 1787 mit der Gründung der Künstlergesellschaft. 1910 entstand der erste Bau des Architekten Karl Moser, der diesen 1925 nochmals erweiterte. 1958 folgte eine weitere Ergänzung durch die Gebrüder Pfister sowie 1976 durch den Architekten Erwin Müller. Alle Bauten befinden sich auf der südlichen Seite des Heimplatzes. Der neue Chipperfield-Bau hingegen steht auf der gegenüberliegenden Seite des dreieckigen Platzes auf einer Grundfläche von etwa 60 m x 60 m mit einer Höhe von rund 21 m (Bild 1). Die einzige Verbindung besteht in einem 85 m langen und knapp 4 m breiten Gang unter dem Platz, über den die Besucher trockenen Fußes vom Alt- in den Neubau wechseln können (Bild 2). Aber auch Exponate können auf diesem Weg sicher (und ohne Versicherungskosten) von A nach B transportiert werden. Der Tunnelbau erfolgte abschnittsweise in offener Bauweise mit teilweise provisorischen Überbrückungen, da der Straßen- und Straßenbahnverkehr auf dem Platz nicht unterbrochen werden durfte. Architektonisch greift der Neubau durch die Wahl des Natursteins an der Fassade (Bild 3) den Moserbau gegenüber auf. Im Zentrum des Gebäudes gibt es eine zentrale, über alle Geschosse reichende, Halle, die von der Öffentlichkeit unabhängig von den Öffnungszeiten des Museums als Passage genutzt werden kann (Bild 4). Im Inneren dominieren Sichtbetonoberflächen, weiße Marmorböden, Eiche und Messing die Atmosphäre der großformatigen Architektur.

Bild 4

Funktionen und Nutzungen

Während die beiden oberen Geschosse der Ausstellung von Exponaten dienen, wurden im Erdgeschoss (EG) verschiedene Funktionen untergebracht, die nicht notwendigerweise an den Museumsbetrieb gekoppelt sind, um sich so im doppelten Wortsinn der Stadt gegenüber zu öffnen. Neben der großen, 13,5 m breiten Halle sind dies vor allen Dingen ein 475 m2 großer Veranstaltungsraum mit einer Spannweite von 18 m sowie eine Bar, die zum Heimplatz orientiert ist. Außerdem sind im EG die üblichen Funktionen wie Kasse, Museumsshop und Räume der Museumspädagogik untergebracht. Die Ausstellungsräume der oberen Geschosse sind mit der Idee des „Haus der Räume“ als Abfolge von Räumen unterschiedlicher Größe, Orientierung, Materialität und Belichtung entstanden.

Der Weg von der Idee zur Umsetzung war bei der Erweiterung des Kunsthauses Zürich mit zwölf Jahren relativ lang. Das hat zum einen mit dem großen Mitspracherecht der Schweizer Bürger*innen an der Realisierung und Finanzierung solcher Projekte zu tun, zum andern hatte hier aber auch ein Rechtsstreit den Ablauf monatelang blockiert. Die Bauzeit von fünf Jahren war für einen Bau mit 23.300 m2 Nutzfläche, mit der die Ausstellungsfläche nun verdoppelt werden konnte, vergleichsweise angemessen.

2008 hatte es für den Erweiterungsbau einen eingeladenen Wettbewerb gegeben, aus dem das Architekturbüro David Chipperfield Architects als Sieger hervorging. 2015 wurde schließlich der Grundstein gelegt. Im Frühjahr 2021 konnte das Museum (zunächst für den Testbetrieb) öffnen. Für die Planung hat die Ingenieurgruppe Bauen (IGB) eine Ingenieurgemeinschaft mit der dsp Ingenieure + Planer AG aus Uster (Schweiz) gebildet. Die Zuständigkeit des Schweizer Büros lag vor allem bei den ortsspezifischen Planungen und Abstimmungen.

Bild 1
Bild 2
Bild 3

Komplexes Tragwerk kombiniert viele Systeme

Das Gebäude ist als räumliches Stahlbetontragwerk konzipiert und wurde überwiegend in Ortbeton gebaut. Die Rohbaufirma stellte nach den Angaben der Ingenieure mit einer eigens aufgestellten Betonmischanlage vor Ort acht verschiedene Betone her. Aus ökologischen Gründen handelt es sich dabei zu 95 Prozent um Recyclingbetone. In der Halle und im EG wurden die Wandoberflächen in hochwertiger Sichtbetonqualität erstellt. Die Fensterlisenen, Gesimsbänder, Sockelelemente der Fassade sowie die Treppenläufe wurden als vorgefertigte Betonelemente auf die Baustelle geliefert und mussten nach genauen Vorgaben der Ingenieurbüros zum Bauablauf in die Ortbetonbauteile eingebunden werden.

Bei dem Bau handelt es sich um ein komplexes räumliches Tragwerk mit großen Spannweiten und ebenso zahlreichen wie großen Durchbrüchen für die umfassende Haustechnik des Museums. Gleichzeitig war zu berücksichtigen, dass Zürich in einer Erdbebenzone liegt. Um die umfangreichen Anforderungen auf einen tragfähigen Nenner zu bringen, nutzten die Ingenieure weitgespannte Decken – auch vorgespannte – sowie wandartige Träger. Letztere wurde beispielsweise über dem Festsaal als Trägerrostsystem bzw. Scheibenrostsystem mit Unterzügen in Quer- und Längsrichtung, über das erste und zweite Ausstellungsgeschoss zusammenwirkend ausgebildet.

Über dem so genannten mittleren Saal liegt eine 33 cm dicke Stahlbetondecke mit einer 72 cm hohen Hohlraumdecke, während auf der anderen Seite der Halle über dem großen Saal über der 48 cm dicken Spannbetondecke ein 57 cm hoher Hohlraumboden Platz für die Technik bietet. In den Obergeschossen kamen in den Bereichen mit Oberlichtdecken außerdem stählerne Fachwerkträger zum Einsatz (Bild 4 und 5). Überhaupt legten die Planer in dem gesamten Projekt viel Wert auf die optimale Ausnutzung von Tageslicht – in diesem Fall von gleichmäßigem Streu-Tageslicht. Fast die gesamte Dachfläche über den Ausstellungsräumen wird für die Belichtung von oben genutzt. Bei all dieser Komplexität sollte der Bau dennoch klar, schlicht und einfach wirken.

Das gesamte Gebäude wurde als 3D-Modell sowohl für die Erstellung der Schal- und Bewehrungspläne als auch für die statische Berechnung modelliert (Bild 6).

Fassadenscheiben: Großformatig und selbsttragend

Die Besonderheit der Fassade liegt in erster Linie in der Verwendung des aus der Region von Basel stammenden Liesberger Kalksteins, der in diesem Fall nicht als vorgehängte Fassade montiert wurde. Die großformatigen Fassadenscheiben sind selbsttragend und am Rohbau gegen Windlasten verankert (Bild 7 und 8). Auf Grund des unterschiedlichen Ausdehnungsverhaltens gegenüber dem Rohbau sind die Platten durch verdeckte vertikale Dehnfugen unterteilt und über flexible Doppelanker, die von den Ingenieuren eigens für das Projekt optimiert wurden, angeschlossen.

Die lebendige Oberfläche entsteht durch den unbearbeiteten Stein, der mit Brand- und Schleifspuren, so wie er aus der Gattersäge kam, verbaut wurde. Zur Veranschaulichung war für das Projekt ein räumliches Fassaden-Mock-Up mit den Maßen 5 m x 6 m x 3 m gebaut worden.

Energieeinsparung orientiert sich an Zielen der 2.000-Watt-Gesellschaft

Insgesamt waren die Vorgaben zur Energieeinsparung durch die Ziele der Schweizer 2.000-Watt-Gesellschaft sehr anspruchsvoll. Durch eine kompakte Bauform mit großer Gebäudemasse, der Verwendung von über 90 Prozent Recyclingbeton mit CO2-reduziertem Zement, Geothermie, Betonkernaktivierung sowie Photovoltaik auf dem Dach konnte in dem Gebäude der Gesamtenergiebedarf und der CO2-Verbrauch im Vergleich zu anderen Museumsbauten maßgeblich reduziert werden.

„Für uns war besonders schön zu erleben, was für eine große Anerkennung man der Arbeit der Bauingenieure in der Schweiz zollt“, betont Ingenieurin Sylvia Glomb. „Allerdings ist auch das Aufgabenfeld weiter gesteckt. Insgesamt war es für uns ein respektvolles, kooperatives Miteinander, vor allem mit den Architekten, der ausführenden Rohbaufirma und dem ortsansässigen Büro dsp Ingenieure und Planer, mit dem wir das Projekt gemeinsam tragwerkplanerisch betreut haben.“

Bauherr: Einfache Gesellschaft Kunsthaus-Erweiterung (EGKE), Stadt Zürich, Zürcher Kunstgesellschaft, Stiftung Zürcher Kunsthaus (SZK

Architekt: David Chipperfield Architects, Berlin

Fertigstellung: 2020 (Schlüsselübergabe), 2021 (Eröffnung)

Link-Tipps:

Die Architektur – Erweiterung Kunsthaus Zürich: www.youtube.com/watch?v=C0GWaFVvy8E

Materialien – Erweiterung Kunsthaus Zürich: www.youtube.com/watch?v=9K-C5Rrg7lo

Lichtkonzept – Erweiterung Kunsthaus Zürich: www.youtube.com/watch?v=XOAouBcwhrU

Nachhaltigkeit – Erweiterung Kunsthaus Zürich: www.youtube.com/watch?v=1boa_Rp91WU

Baustelle im Zeitraffer: www.youtube.com/watch?v=OxLJWLS8lSg